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Berührung und Minimalismus


Was hat das eine mit dem anderen zu tun?


Ich möchte in diesem Blog direkt einen Bogen zwischen den beiden Begriffen spannen:

Wir erinnern uns - Minimalismus als Werkzeug soll uns dabei helfen, mehr Zeit und Raum für die wesentlichen Dinge in unserem Leben zu haben. Wenn wir unser Geld, unsere Zeit und Energie nicht mehr darauf verwenden, Güter anzuhäufen und diese zu verwalten, dann haben wir mehr Ressourcen zur freien Verfügung.


Zum Beispiel für unsere Grundbedürfnisse.


Unser Körper braucht Essen, Trinken und Schlaf - wir alle wissen, wie unangenehm es ist, wenn körperliche Basisbedürfnisse nicht befriedigt sind, wenn zum Beispiel der Magen knurrt, wir schlecht geschlafen haben oder wenn wir frieren.


Doch was geschieht mit unseren emotionalen und psychischen Bedürfnissen?


Was tun wir, wenn wir uns nach Nähe und Berührung sehnen?

Die meisten von uns haben weder in der Schule noch im weiteren Leben gelernt, wie wir mit diesen Bedürfnissen umgehen sollen. Unsere Zufriedenheit, das ganz große Glück soll sich über eine tolle Karriere, ein stilvoll eingerichtetes Haus und die neuestens Anschaffungen einstellen, für die man nur hart genug arbeiten muss. Das Glück im Außen zu suchen und auch finden zu können ist das Motto dieser Gesellschaft, in der wir alle leben.


Am „Gipfel“ angekommen zu sein, es „geschafft zu haben“ bedeutet dann, wunschlos glücklich zu sein. Für immer. Zumindest den subtilen Versprechen der Medien zufolge.

Jedoch habe ich bei nicht wenigen meiner Patienten erlebt, dass es, auf dem Höhepunkt des Lebens angekommen, zu einem starken Gefühl der Leere oder, wie es auf Neudeutsch so schön heißt, zur Midlife-Crisis kommen kann.


Das Haus ist fertiggestellt und vielleicht schon abbezahlt, die Kinder gehen ihre eigenen Wege und sind ausgezogen, die höchste Stufe der Karriereleiter ist erreicht und das soziale Netzwerk läuft so nebenher. Im Außen ist alles wunderbar funktional.


Warum stellt sich das versprochene Glücksgefühl vor diesem Hintergrund nicht ein?


Es wird manch einem in gewissen Momenten oder durch eine Krankheit vielleicht bewusst, dass man nicht mehr Wegstrecke vor sich hat, als man schon zurückgelegt hat.

Womöglich stellt sich die immer lauter werdende Frage nach dem Sinn des bisherigen und weiteren Lebensverlaufes. Nach dem, was wirklich zählt.


Zeitmangel, Überforderungen im Alltag, beruflicher Stress und private Probleme haben vielleicht davon abgelenkt, dass man sich eigentlich, ganz im Geheimen, nach (mehr) Nähe, Geborgenheit und Berührung sehnt.


Warum sind Berührungen so wichtig?


Was uns nicht berührt, das verwandelt uns nicht. - C.G. Jung

Berührung findet als Kommunikationsform schon vor dem ersten gesprochenen Wort statt und ist essenziell für das menschliche Wohlbefinden, ist sogar Teil der Menschwerdung.


Berührung, Wärme und Geborgenheit prägen besonders im ersten Lebensjahr unser Urvertrauen. Jeder Mensch sehnt sich nach einem Ort der Geborgenheit, nach einem emotionalen Zuhause.


Wir berühren und werden berührt durch unsere Hände, Blicke, aber auch durch Musik und wir drücken dadurch Zuwendung, Hingabe und Liebe aus. Wir können ohne Berührung nicht einmal überleben. Das haben grausame Versuche mit Babys, die lediglich gefüttert wurden, schon früh gezeigt. Friedrich II. wollte im 13. Jahrhundert eigentlich nur herausfinden, welche Sprache Kinder entwickeln, wenn sie ohne Ansprache und Zuneigung aufwachsen. Genaueres weiß man über den Ablauf dieses Experiments nicht, das Ergebnis war jedoch niederschmetternd: Alle Kinder starben, vermutlich auf Grund fehlender sensorischer Stimulation.


Berührung ist demnach sogar lebenswichtig.


Noch bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde jungen Müttern empfohlen, den körperlichen Kontakt zu ihren Babies möglichst auf das Füttern zu beschränken; man befürchtete, dass Berührung die Kinder „verweichlichen“ würde. Züchtigungsmaßnahmen wurden jedoch davon ausgenommen. Diese Strömung erklärt vielleicht, warum die jetzige Generation teilweise so verhalten mit dem Thema umgeht.


Wie immer habe ich bei meiner Recherche auch ein paar sehr interessante Studien zum Thema gefunden:


Was passiert bei Berührungen?


Zusammengefasst kann man sagen, dass Berührungen unseren Körper, unseren Geist und unsere Seele entspannen und zudem auch noch unser Immunsystem davon profitiert.


Wir haben viele Millionen Tast-Rezeptoren in unserer Haut, die als größtes Organ die Grenze zur Außenwelt darstellt. Jede Berührung wird über Nervenfasern direkt an unser Gehirn weitergeleitet, wo diese Signale weiterverarbeitet und interpretiert werden.

Wenn wir direkt berührt werden, hat das immer eine Wirkungen auf uns, ob positiv oder negativ.


Wir fühlen uns gut, sicher, geliebt, sexy, angewidert oder auch sozial verbunden mit dem Gegenüber.


Leider hat sich in den letzten Jahren unsere Art zu kommunizieren und damit auch unsere Wahrnehmung stark verändert, wenn nicht sogar reduziert.

Die Zweidimensionalität in Form des Touchscreens von Smartphone und Tablet führt immer mehr dazu, dass sich der Tastsinn zurückentwickelt und andere Sinnesorgane über die Maße belastet werden.



Dabei ist die taktile Wahrnehmung so elementar wie das Schlafen.


Tasten und Fühlen haben, waren und bleiben überlebenswichtig. Derzeit kommen immer mehr haptische und dreidimensionale Medien auf den Markt, die Urinstinkte und Emotionen des Konsumenten ansprechen sollen.


Haben wir das analoge Leben verlernt?


Ob wir uns geistig, seelisch oder körperlich berühren - wir stellen Beziehungen und Zusammenhänge her. Dennoch wirft das Thema Berührung in unserer Gesellschaft heikle Fragen auf - wann, wie, mit wem, von wem...


Meine Tätigkeit im ehrenamtlichen Besuchsdienst der Uniklinik zeigte mir schon nach kurzer Zeit, wie gut die Patienten auf Berührung reagierten. Nachdem es zahlreiche wissenschaftliche Studien zum Thema Berührung und Gesundheit gibt, werden mittlerweile sogar Schulungen für Pflegepersonal zum Thema

Berührung gegeben. Eine Hand zu haben, die man halten kann und die nichts fordert, kann einen Tag völlig verändern.


Im schönen Münsterland gilt jedoch traurigerweise die „Armlänge und mehr“ als Richtwert. Ich habe in anderen Ländern erlebt, dass Berührung auch ganz normaler Bestandteil des Alltags sein kann. Vielleicht haben wir hierzulande schlichtweg keine Berührungskultur etabliert?


Auf den Punkt gebracht:

Essen, Trinken und Schlafen sind einfach nicht genug.

Wir brauchen die Nähe zu anderen Menschen.

Um uns normal zu entwickeln.

Um mit Stress umgehen zu können.

Um Beziehungen zu anderen herzustellen.

Wenn weder die Möglichkeit noch das Bedürfnis nach körperlicher Nähe besteht, kann der Fokus natürlich auch auf die anderen Sinne gelegt werden. Kunst, Musik, interessante Gespräche oder auch nur Augenkontakt können ebenfalls berühren.

Ich lade Sie ein, rauszugehen.

Näher an die Menschen heranzutreten.

Zu berühren und berührt zu werden.


 

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